Tödlicher Dogmatismus oder lebendige Entwicklung

 goetheanum

Wie lässt sich Dogmatismus vermeiden, der auf allen Feldern der Kultur, nicht nur in der Religion, sondern auch in Kunst und Wissenschaft so oft Freiheit und unbefangenes Forschen und Experimentieren hemmen will? Wie der Tendenz zum Festhalten an Wortlauten und Formeln entgegenwirken, die jeder echten Entwicklung entgegenstehen? Besonders Religionen und spirituelle Richtungen scheinen von Erstarrung bedroht. Denn meist haben die wirkmächtigen Gestalten an ihren Anfängen Schriften oder Anweisungen in großer Fülle hinterlassen, die man offenbar nur richtig befolgen muss, um die „wahre Lehre“ fortzusetzen.

Rudolf Steiner hat diese auch für die Anthroposophie bestehende Gefahr wohl gesehen. Einen wichtigen Hinweis zum Umgang damit hat er in eines seiner Mysteriendramen hineingelegt – und dabei durch die Form einer szenischen Aufstellung eine besonders eindrückliche Form gewählt, wie sie eine nur theoretische Erörterung kaum entfalten würde. Im zweiten dieser nicht leicht zugänglichen Theaterstücke (7. Bild) entwirft Steiner folgende Situation:

Wir befinden uns im Mittelalter, und ein Angehöriger eines Mönchsordens wird mit den Mitgliedern einer esoterischen Ritter-Bruderschaft konfrontiert, die er aufgrund der ihm fremden Riten und Denkweisen als „Ketzer“ glaubt bekämpfen zu müssen, obwohl sie ihm auf menschlicher Ebene durchaus imponieren. Diese Konstellation entspricht vollkommen der historischen Situation im Hochmittelalter, als sich insbesondere der Dominikanerorden auf die inquisitorische Verfolgung von damals neu hervortretenden Strömungen des Christentums zu spezialisieren begann. Der verwirrte Mönch wendet sich in einer Meditation an den bereits verstorbenen großen Lehrer seines Ordens. Dieser erscheint ihm auch und gibt dem Mönch einen völlig unerwarteten Rat: Bei er Bekämpfung der sogenannten Ketzer, so der Ordenslehrer mit Namen Benedictus, könnten sich seine Schüler zwar auf jene Worte stützen, die er (Benedictus) „im Erdensein gesprochen“ habe – es gibt also offenbar Zitate und Wortlaute, mit denen klar zu belegen wäre, dass zum Beispiel die geistigen Ziele des „ketzerischen“ Ritterodens „Geistessünde“ seien und ausgemerzt gehörten. Nun aber folgt die entscheidende Erklärung des Ordenslehrers, als dessen historisches Vorbild man unschwer den bedeutenden Kirchenlehrer Thomas von Aquin erkennt, auf dessen Wortlaute sich die blutigen Ketzerverfolgungen des Mittelalters berufen konnten. Benedictus weiter:

„Sie ahnen nicht, dass diese Worte
Sich lebend nur erzeugen können,
Wenn sie im rechten Sinne fortgebildet werden
Von jenen, welche meiner Arbeit Folger sind.“

Worte für sich allein genommen, auch höchste und heiligste, bilden also noch keineswegs eine Garantie für Wahrheit – sie können sogar schädlich, ja destruktiv werden. Es kommt also darauf an zu begreifen, so der Lehrer, dass sich Worte nur als „lebend“ erweisen können, wenn sie „im rechten Sinne fortgebildet werden“. Nicht das, was eine Lehre oder ein Lehrer bereits geworden ist, ist im Zweifelsfall wahrhaft orientierend. Der Ordenslehrer fordert den Mönch vielmehr dazu auf, diejenigen, die er der wörtlichen Auslegung der einstigen Lehrer-Worte zufolge für Ketzer hält, in jenem Licht zu sehen, in dem er selbst sie heute sehen würde, wenn er als Mensch gegenwärtig lebte.

Der Mönch reagiert zunächst so, wie wohl viele treue Glaubensbrüder bis heute reagieren: Er meint, diese Mahnung weiche „gewaltig ab von allem, was mir bisher als richtig wollte scheinen“. Das ist ja genau die Herausforderung: dass manches in einer veränderten Zeitsituation tatsächlich „gewaltig“ das bisher als richtig Geglaubte erschüttern kann! Dennoch kann eine solche, nur traditionalistisch begründete Empfindung schlimme Folgen haben – bisweilen sogar tödliche.

Steiner macht hier deutlich: Die Aufgabe einer individuellen Weiterentwicklung, die zum Beispiel den eingetretenen Erkenntnis- und Bewusstseinsfortschritt einer Zeit berücksichtigt, kann keine Lehre und kann kein Lehrer den Menschen abnehmen. Auch für spirituelle Richtungen gilt das Goethewort von der „geprägten Form, die lebend sich entwickelt“.