Alle Artikel von Jens Heisterkamp

Meine Vorträge, Workshops und Gastspiele in diesem Jahr

Jens Heisterkamp 2014

Ich freue mich, schon jetzt auf einige besondere Veranstaltungen in diesem Jahr hinweisen zu können, bei denen ich eingeladen bin:

 

13. März, Leipzig auf der Buchmesse: „Ein freies Wesen ist dasjenige, welches wollen kann, was es selbst will“ – Rudolf Steiner und die Freiheit, 16.30 Uhr, Halle 5 Stand A200

25. März, Oper Frankfurt: Was ist Glück? – Philosophisches Intermezzo bei einem  „Oper to go“-Liederabend, Oper Frankfurt, 22.15 Uhr

Bad Kissingen, Kongress Akademie Heiligenfeld am 14. und 15. Juni:

Freitag, 16.00 Uhr: Workshop zusammen mit Maik Hosang über „Freie Individuen im neuen WIR“

Samstag, 10.30 Uhr, Vortrag unter dem Motto „Wir haben verstanden“ – Grundlagen unseres Verstehens und Missverstehens.

Mehr Infos hier.

(Achtung: der Kongress ist ausgebucht!)

In Berlin am 7. September im Rahmen des „Philosophie-Festivals der Liebe“:

„Von der Vergeblichkeit, sich selbst lieben zu wollen und der Verwegenheit, Liebe zu denken“

31. Oktober Anahata-Akademie bei Bonn, zusammen mit Sebastian Gronbach:

„Anthroposophische Spiritualität – Wie das mystische Denken unser Herz öffnet“.

Mehr  Informationen und Anmeldung hier.

Vom 6.-8. November: Herbstakademie Frankfurt, unter anderem im Gespräch mit Prof. Jost Schieren über Goethes Verständnis von Wirklichkeit.

 

Buchkritiken zu „Anthroposophische Spiritualität“

anthrospiri

 

Mein Buch „Anthroposophische Spiritualität“ findet bisher ein sehr positives Echo. Johannes Kiersch lobte es im „Goetheanum“ (Goetheanum rezension Kiersch), Dr. Thomas Steininger fand sehr hochschätzende Worte dazu in „Evolve“ (Heisterkamp Rezension Steininger), außerdem gibt es ein Gespräch zum Buch zwischen Thomas und mir als Audio-File auf Radio Evolve. In der anthroposophischen Mitglieder-Vierteljahresschrift „Anthroposophie“ empfahl Professor Jost Schieren das Buch (leider nicht online).

Interessant ist auch die Auseinandersetzung von Dr. Lydia Fechner mit meinem Buch in der Zeitschrift „Die Drei“, ebenso wie die Rezensionen von Professor Wolf-Ulrich Klünker  in Info3 und von Walter Sigfried Hahn bei „Themen der Zeit“. Schon bald nach Erscheinen hatte Michael Eggert in seinem Egoisten-Blog eine Rezension veröffentlicht und  Ansgar Martins sehr ausführlich und differenziert-kritisch auf seinem Waldorfblogg auf das Buch reagiert. Außerdem sind bei Amazon eine Reihe von – ebenfalls sehr positiven – Leserkommentaren erschienen, unter anderem von Ina Kleinod und Dr. Maik Hosang. 

Ich freue mich sehr über diese konstruktiven und vielfältigen Rückmeldungen zu meinem Buch!

Wer es noch nicht kennt, kann’s hier direkt bestellen.

Die eBook-Version ist bei den üblichen Verdächtigen downzuloaden.

Einige Überlegungen zur Sprache

Ausstellung Corinna

 

Anlässlich der Ausstellungseröffnung von Corinna Krebber am 12. Februar 2015 in der Galerie „Das Bilderhaus“, Frankfurt am Main.

 

1.

Alles, was wir wissen, wissen wir dadurch, dass es zur Sprache kommt.

Bis etwas Sprache wird, lebt es im Dunkel.

Erst die Sprache macht aus etwas, das bisher nur ein Ahnen war, macht aus unserer Intuition oder Einsicht das Sagbare.

Indem etwas zur Sprache kommt, erfährt etwas bis dahin Ungesagtes eine Fassung, einen Rahmen, der das Gefasste besprechbar macht.

„Sprich es aus!“ – Das meint, etwas überhaupt erst zur Wirklichkeit werden zu lassen, und es gilt nicht nur für das laute Aussprechen gegenüber anderen, sondern auch schon dann, wenn wir etwas nur innerlich, uns selbst gegenüber, aussprechen.

In der Gefasstheit der Sprache gerinnt das bis dahin nur Gemeinte in eine bestimmte Form und nimmt Eindeutigkeit an.

Aber auch in der Eindeutigkeit bleibt das Gesagte vieldeutig.

Denn jedes gesprochene Wort ist damit der Deutung ausgesetzt, dem Verstehen ebenso wie dem Missverstehen.

 

2.

Alles Sprechen ist angelegt auf das Hören.

Den Zusammenhang von Sprechen und Hören nennen wir „Gespräch“.

Hören wir dazu Martin Heidegger:

„Das Hörenkönnen ist nicht erst eine Folge des Miteinandersprechens, sondern eher umgekehrt die Voraussetzung dafür. Allein auch das Hörenkönnen ist in sich schon wieder auf die Möglichkeit des Wortes ausgerichtet und braucht dieses. Redenkönnen und Hörenkönnen sind gleich ursprünglich. Wir sind ein Gespräch – und das will sagen: wir können voneinander hören…. Das Gespräch und seine Einheit trägt unser Dasein.”

(Heidegger, Hölderlin und das Wesen der Dichtung)

Gespräch-sein-können in diesem Sinne bedeut also: Bevor wir reden, haben wir schon verstanden.

Bei den kleinen Kindern, noch bevor sie sprechen, ist genau dies fast wie ein Wunder zu beobachten: wie sie schon alles verstehen, ohne selbst zu reden.

 

3.

Wenn wir also immer schon Hörende sind, um erst sprechen zu lernen, wie hat dann wohl der erste Mensch sprechen gelernt, als noch niemand da war, dem er hätte zuhören können, weil die Sprache ja erst erfunden werden sollte? Und wie sollte sich Sprache „erfinden“ lassen aus einem Zustand der völligen Sprachlosigkeit heraus? Einem Zustand also, in dem uns nicht nur die richtigen Worte gefehlt hätten (was wir sonst Sprachlosigkeit nennen), sondern Worte überhaupt?

Eine verbreitete Theorie erklärt die Entstehung der Sprache aus Konvention, also aus Übereinkunft. Ein etwas Schmunzeln erregendes Bild dazu ist die Vorstellung, wie unseren Vorfahren bei der Großwildjagd die Nützlichkeit des exakten Informationsaustausches durch Worte aufging. Eine lange Evolution der Zuordnung von Lautlichkeit und Bedeutung soll damals begonnen haben.

Aber noch einmal: Wie hätten damals Konventionen gebildet werden sollen, wie Einigungen über Bedeutung stattfinden, ohne schon dabei  zu sprechen?

Wir kommen der Sprache beim Versuch, sie zu erklären, offenbar nicht hinterher.

Noch einmal Heidegger:

„Das, wovon wir sprechen, die Sprache, ist uns stets schon voraus. Wir sprechen ihr ständig nur nach. So hängen wir fortwährend hinter dem zurück, was wir zuvor uns eingeholt haben müssten, um davon zu sprechen. Demnach bleiben wir, von der Sprache sprechend, in ein immerfort unzureichendes Sprechen verstrickt.”

(Heidegger, Vom Wesen der Sprache)

Andererseits kann positiv festgehalten werden: Die Sprache ist offenbar eine vorgängige, nicht zu reduzierende Sphäre der Verbindung mit Bedeutung, die nicht aus Unverbundenem konstruierbar ist.

Ein letztes Mal Heidegger: „Nicht wir haben die Sprache, die Sprache hat uns.“

(Hölderlins Hymnen „Germanien“ und „Der Rhein“, GA 39)

 

4.

Vertauschen wir doch einmal probeweise die gängige Vorstellung, wonach Sprache zufällig und konventionalistisch entstanden sei, durch die Idee, dass die Sprache uns immer schon hatte und Sprache immer schon war.

Die Weisheit der Alten hat ja die Sprache – das Wort – überall nicht ans Ende der Entwicklung gesetzt, nicht erst dahin, wo wir Menschen über die Welt zu sprechen begannen, sondern an den Anfang:

Am Anfang war das Wort, heißt es bei Johannes.

Auch die mystische Überlieferung im Judentum stellt an den Anfang der Welt das Wort, die weltschaffende Sprache des Göttlichen.

Gershom Scholem, der große Wiederentdecker der Kaballah und Begründer ihrer wissenschaftlichen Erforschung, schrieb dazu:

„Die Kabbalisten aller Schulen und Richtungen sind sich darüber einig, in der Sprache nicht nur ein unzulängliches Mittel der Verständigung von Mensch zu Mensch zu sehen (…) Sprache in ihrem reinsten Wesen (…) hängt mit dem tiefsten geistigen Wesen der Welt zusammen, hat, mit anderen Worten, einen mystischen Wert. Sprache erreicht Gott, weil sie von Gott ausgegangen ist. In der Sprache der Menschen … spiegelt sich die schöpferische Sprache Gottes wider. … Alles Lebendige besteht letzten Endes durch die Sprache Gottes…“

(Die jüdische Mystik in ihren Hauptströmungen)

 

5.

Sprache, das Wort, wäre also identisch mit dem ursprünglichen Wesen allen Seins.

Was aber, wenn dies nicht nur ein romantischer Zirkelschluss wäre, sondern wenn dem, was unsere Sprachwelt ist, wirklich und ursprünglich Welt-Sprache zugrunde läge? Wenn Sprache eben nicht „nur“ menschlich wäre, sondern wenn es eine Welt-Sprache gäbe – an der wir Menschen Anteil haben, indem wir immer schon in sie eingebettet sind? Die wir als Menschheit einst erlernt hätten wie die Kinder das Sprechen lernen – als Hörende?

Nicht diesen Gedanken, aber einen Verständnis-Baustein dazu liefert ein Jugendfreund Scholems, der ihm herzlich verbundene Walter Benjamin. Benjamin hat sie an den Anfang seiner eigenen Überlegungen gestellt die das Thema tragen: „Über die Sprache überhaupt und über die Sprache des Menschen” (1916). Schon der Titel überrascht: Es gibt für Benjamin „eine Sprache überhaupt”, von der die menschliche Sprache gleichsam nur eine Unterform darstellen soll. Also: Nicht die menschliche Sprachlichkeit wird in die Welt projiziert (und dann erschiene uns die Welt nur als sprachlich), sondern die menschliche Sprache stellt gleichsam eine Kontraktion einer „Sprache überhaupt“, einer universellen Sprache der Welt dar. Und was wäre diese „Welt-Sprache“?

Dazu Benjamin: „Jede Mitteilung geistiger Inhalte ist Sprache, wobei die Mitteilung durch das Wort nur ein besonderer Fall, der der menschlichen ist.”

Folglich gibt es für ihn „kein Geschehen oder Ding weder in der belebten noch in der unbelebten Natur, das nicht in gewisser Weise an der Sprache teilhätte, denn es ist jedem wesentlich, seinen Inhalt mitzuteilen”. Das Prinzip der Welt besteht also darin, Ausdruck zu sein, Ausdruck von Bedeutung, und jede Äußerung von Bedeutung ist Sprache. Für Benjamin gibt es deshalb – nicht nur im übertragenen Sinne – eine Sprache der Dinge, eine Sprache der Musik, eine Sprache der Natur, eine Sprache des Universums.

 

6.

Benjamin lässt hier also die alte mystische Idee einer die Welt durchziehenden Sprache wieder anklingen, aber gleichsam im Gewand einer Erkenntnistheorie.

Warum? Vielleicht weniger weil er selbst Mystik vertreten wollte als vielmehr weil er gesehen hat, dass wir gar nicht anders können denn die Welt als Sprache zu hören. Wir müssen das aber nicht als Einschränkung auffassen, nicht als Festlegung auf unser subjektives Wesen als Menschen, sondern können es umgekehrt als Chance begreifen, unsere eigene Sprachhaftigkeit als Medium tiefer Weltverbundenheit zu nutzen.

Wir können etwas vom Sein der Dinge in ihrem Aussprechen fassen und halten, weil die Dinge selbst manifestiertes Wort sind.

Immer wenn wir ein Wort sprechen, sprechen wir mit dem Sein.

Sicher: wer Gebrauchsanweisungen für Staubsauger verfasst oder wer seine Worte in politischer Ideologie verschleißt, erfährt von dieser Seins-Kraft der Sprache nur wenig oder nichts; wer wie Hölderlin die Eichbäume besingen kann oder wie Trakl eine Abendstimmung heraufbeschwört, weiß schon sehr viel mehr davon zu sagen.

Und selbstverständlich spricht auch eine Ausstellung wie die heute eröffnete davon, die auf so schöne Weise mit dem Zusammenhang von Wort und Sein umgeht.

Ich danke für Ihr Hören.

 

 

 

Mein Jahresrückblick 2014

Das Jahr fing ja gut an: mit einer rauschenden Tanznacht in der Frankfurter Oper…

Mitte des Monats fiel eine Menge Schnee und Ende Januar war dann ich zu Gast im von Renata Keller organisierten Salon am Viktoria-Luise-Platz zu einem schönen Abend über Rudolf Steiner in der Berliner MotzstraßeViktoria Luise

Anschließend ging es weiter zu einem Interview nach Bad Gottleuba mit einem Zwischenstopp bei einem alten Bekannten in Dresden.  Im Februar beschäftigte mich das Buchprojekt über die Anthroposophie Steiners und den Integralen Yoga Aurobindos, aus dem ein spannendes Buch von Klaus J. Bracker hervorgegangen ist. Im Februar und März gingen auch die Vorbereitungen eines weiteren Buches zu Ende, das ich intensiv mitbetreut hatte, die von Ansgar Martins herausgegebenen Erinnerungen von Hans Büchenbacher, zu dem es später auch eine Veranstaltung in Dornach gab.

Den ganzen Winter über hatte ich die dramatischen Veränderungen in der Ukraine und auf dem Maidan mitverfolgt und mich dann im April kritisch zu der neo-imperialistischen Politik Russlands geäußert – der für mich vielleicht wichtigste Text in 2014, auf jeden Fall der, mit dem ich den meisten Ärger bekommen habe. Die Auseinandersetzung mit den Verharmlosern der Politik Putins hat mich das ganze Jahr über nicht losgelassen. Hinzu kamen die grausam-bizarren Aktionen militanter Islamisten in Syrien und Irak, auch IS genannt.  Als Versuch einer Verarbeitung dieser Zeitphänomene entstand zusammen mit Sven Schlebes aus Berlin ein Text unter dem Titel  „In Verbundenheit geboren – zur Freiheit berufen.“ Ein besonders schönes Erlebnis im März 2014 war auch ein Seminar über „lebendiges Denken“ in der von Annette Kaiser geleiteten Villa Unspunnen bei Interlaken.

Villa Unspunnen

In der Villa Unspunnen mit Annette Kaiser und Tom Steininger

 

Im April hatte ich nach langen Jahren wieder einmal einen Hexenschuss, bei dessen Kurierung mir die vietnamesischen Akupunkteure in der Frankfurter Pagode behilflich waren. Ende des Monats konnte ich dann bereits gut wieder Autofahren und zum Beispiel in Mecklenburg eine kleine Kanutour mit meiner Tochter Lucia unternehmen. Auf der Fairventure-Konferenz in Berlin beeindruckte mich Charles Eisenstein mit seinem Vertrauen auf eine objektive, in der Welt wirkende Intelligenz.  Am 15. Mai war ich bei einer Veranstaltung mit dem Dalai Lama in der Frankfurt Paulskirche zu Gast, der mich in seiner Schlichtheit überzeugt hat. – Näheres dazu habe ich in einem Artikel festgehalten. Eine andere Rede, die mich fast noch mehr beeindruckte, hielt der aus dem Iran stammende Professor Nevid Kermani am 23. Mai zum Geburtstag der deutschen Verfassung, auch Grundgesetz genannt. Angesichts der glänzenden Ausführungen Kermanis im Deutschen Bundestag zerbröselt so manches Geschwätz zu nichts, das später im Jahr von Verschwörungs-Junkies über die angeblich fehlende Souveränität Deutschlands in die Luft geblasen wurde. 

Jens-Zugfenster

Anfang Juni wurde ich Teil eines großartigen Events: Von Salzburg nach Kraljevec in Kroatien fuhr ein Sonderzug aus Anlass des 90. Geburtstages der biologisch-dynamischen Landwirtschaft. In Kraljevic selbst, dem Geburtsort Rudolf Steiners, fand über Pfingsten eine internationale Tagung zum Thema Saatgut statt – die Fahrt mit dem „Kulturgutexpress“ war ein tolles Erlebnis!

Anfang Juli drehte sich dann auch bei mir alles fast nur noch um ein gewisses Ereignis in Brasilien, das mir am 13. Juli um kurz vor Mitternacht den wohl adrenalinreichsten Augenblick des Jahres bescherte.

Kurz darauf ging es mit der Liebsten in die Ferien nach Südfrankreich, Ost-Pyrenäen und Mittelmeer.

Frankreich 2014

An der spanischen Grenze in Port Bou besuchten wir das Grab von Walter Benjamin und drehten ein kleines Video über das begehbare Denkmal für den bedeutenden Philosophen, das der israelische Künstler Dani Karavan geschaffen hat. Dass ich überhaupt von diesem Denkmal wusste, verdanke ich meinem Sohn Gregor, der sich viel mit Benjamin beschäftigt.

Ein schönes Erlebnis im Spätsommer war die Verleihung des Preises der Stiftung Lauenstein in Kassel, wo ich als Jury-Mitglied an der Auswahl eines Wettbewerbs zur Förderung des Sports für Menschen mit Behinderung mitwirkte. Weitere Highlights waren im Herbst ein paar erholsame Tage an meinem Lieblingsort an der Ostsee, die Herbstakademie in Frankfurt und die Frankfurter Buchmesse, wo ich unter anderem dem bemerkenswerten Autor Lutz Seiler begegnete, dessen Buch ich sofort verschlungen habe.

Jens Buchpräsentation

Ein eigenes Buch habe ich schließlich auch noch herausgebracht in diesem Jahr. Zusammen mit lieben Freunden aus Frankfurt haben wir das Erscheinen gefeiert. Eine sehr würdigende Rezension dazu ist hier erschienen.

Anfang November konnte ich dann noch eine spannende Tagung über Schwingungsphänomene im Schwarzwald besuchen, die mich in eine ganz neue Welt entführte, Ende des Monats war ich Gast bei der Ehrung für den GLS-Mitgründer Albert Fink, der auf dem Hambacher Schloss einen Preis überreicht bekam – und gleichzeitig das erste Exemplar seines Buches, das in unserem Verlag erschienen ist. Und im Dezember war ich zum wiederholten Mal in diesem Jahr in Hamburg, diesmal zu einer Veranstaltung mit meinen Freunden János Darvas und Klaus J. Bracker. Besonders genossen habe ich aber den nächtlichen Spaziergang durch die adventlich geschmückte Hansestadt mit meiner Tochter Clarissa, die hier lebt.

Viel ist geschehen in 2014, viel bin ich unterwegs gewesen, für mich war es ein sehr kreatives, lebensfreudiges Jahr. Danke an alle, die mich begleitet haben mit so viel Unterstützung und Interesse!

 

Perso-Frühstück für Erleuchtete – Lutz Seiles Roman „Kruso“ und das Ende der DDR

Hiddensee

Sprachliche Dichte, massive Bedeutungsgeladenheit, schwärmerische Männerfreundschaft und viel Trakl-Poesie gibt es in diesem wohl überraschendsten Roman des Jahres zu verdauen. Er hat manche befremdet, aber auch viele, die in seinen Strom einmal eingetaucht sind, nicht mehr losgelassen. Für „Kruso“ erhielt Lutz Seiler den Deutschen Buchpreis 2014.

Die Geschichte spielt auf der Ostseeinsel Hiddensee im Sommer 1989. Ihre Akteure gehören zur Szene der Aushilfskräfte während der Feriensaison. Was man von außen leicht als den üblichen Urlaubsbetrieb wahrnehmen könnte, ist aber von Beginn von einem Subtext geprägt. Denn die Kellner, Köche und Küchenhelfer, allesamt im früheren Leben Literaten Philosophen und Lebenskünstler, bilden eine Art Bruderschaft, die ihren Hauptsitz in einer Gaststätte hat, die nicht zufällig den Namen „Der Klausner“ trägt und auf dem Gelände einer ehemaligen Einsiedelei liegt. Und keine bloße Laune ist es, dass es gerade zwölf Menschen sind, die seine „Besatzung“ bilden, geleitet von einem „Direktor“, den der Autor allerdings seine Anweisungen so dahersprechen lässt als wäre er der Abt eines Klosters („Das Auf und Ab seiner weichen, auf Kopfhöhe erhobenen Hand erinnerte Ed an die Erteilung des Segens“). Die monastisch wirkende Gemeinschaft der „Arche“ kümmert sich – neben den Urlaubern – um die „Gestrandeten“, wie sie hier auch heißen. Gestrandet auf der Insel sind sie, weil sie dem System der Unterdrückung in ihrem Land bis hierhin entfliehen konnten und hier den Sommer in einer anderen Realität verbringen. Dass ausgerechnet das prosaische Alltagsleben der DDR („zweimal Perso-Frühstück am Perso-Tisch“, mit Mischbrot und Konfitüre vom Block geschnitten) den Hintergrund dieser mystischen Suche abgibt, ist ein Geniestreich sondergleichen.

Wann hat uns zuletzt jemand so erzählt über eine verschworene Gemeinschaft, über den „Gral“, über Pilgerschaft und Einweihung und, nicht zuletzt, über innere Freiheit? Denn um das Realisieren existenzieller Freiheit dreht sich alles an diesem Ort, der eine letzte Grenze bildet: „Wer hier war, hatte das Land verlassen, ohne die Grenze zu überschreiten“, heißt es einmal. Die Gestrandeten haben die Ausweglosigkeit ständig vor Augen – sie liegt physisch vor ihnen in Gestalt des dänischen Festlands, das bei guter Sicht rund 50 Kilometer entfernt mit seinem freien Gestade winkt.

Neben dem seinem Studium entflohenen Ed aus Halle ist Kruso Hauptperson und Namensgeber des Romans, halb russischer Herkunft und nicht ganz von dieser Welt. „Strenge, Keuschheit fast und Selbstbeherrschung“ kennzeichnen ihn. Er lebt vom Klausner aus seine eigenwillige Mission der Dienstbarkeit gegenüber jenen, die er hier zu einem Orden heranführen will, zu einem „Bund der Eingeweihten (…) eine Art Untergrund zur Anhäufung innerer Freiheit, eine geistige Gemeinschaft“. Tatsächlich befreien er und die Abwäscher des Klausners in ihren gewaltigen Spülbecken nicht nur die Teller von Essensresten, sondern nehmen hier auch die Neuankömmlinge mit rituellen Waschungen in Empfang. Kruso kümmert sich um all jene, die aus dem System geflohen sind und hier buchstäblich nicht mehr weiterkönnen. „Die Insel (…) ist der Ort, wo sie zu sich selbst kommen“, ist er überzeugt, „wo man zurückkehrt in sich selbst, das heißt zurück zur Natur, zur Stimme des Herzens, wie Rousseau sagt. Niemand muss fliehen, niemand muss ertrinken. Die Insel ist die Erfahrung. Eine Erfahrung, die ihnen erlaubt, zurückzukehren, als Erleuchtete.“

trabi-am-strand

Solche hohen Ziele jedoch kommen hier nicht esoterisch verkleistert daher, sondern hinuntergebrochen in die schnöde Alltäglichkeit und die prekären Verhältnisse der sozialistischen Ferienwelt. Immer wieder verwischt Lutz Seiler die Grenzen von sinnlicher Wirklichkeit, mystischen Deutungen, Halluzination und Traum in einem betörenden Erzählstrom. Monochromatisch ergänzen sich Naturbeschreibungen und Innenansichten, Gefühle, Gedichte, Geräusche und immer wieder Gerüche – ja, Gerüche, und oft nicht die besten. Getaucht in die Aufgeladenheit der alltäglichen Dinge und Verrichtungen ebenso wie in das marode DDR-Inventar entwickelt sich unter den Klausnern eine spezielle Ästhetik des Widerstands. Da gibt es den allgegenwärtigen Systemzugriff ebenso wie verwegene Gedankenflüge, es gibt freie Sexualität und, besonders gegen Ende, auch reichlich Alkohol. Kruso und Ed finden zueinander durch gemeinsame Verluste, über die sie nicht reden, und durch Gedichte, die sie sich heimlich vorlesen.

Es ist nur konsequent, dass diese besondere Ästhetik mit dem Erodieren der Unrechtsinstrumente des DDR-Systems im Jahr 1989 immer mehr Risse bekommt. Der Druck, den die Klausnergemeinschaft wie unter dem Deckel eines Kochtopfs schöpferisch kompensiert, entweicht zusehends. Während man aus dem Radio von der Öffnung des Eisernen Vorhangs in Ungarn hört und immer mehr Fluchtgeschichten kursieren, beginnen sich auch auf Hiddensee die Reihen zu lichten. Krusos Welt zerfließt schließlich in einer Art Delirium und der Erzähler inszeniert den Wendepunkt der Freundschaft zwischen Kruso und Ed zeitgleich mit dem Heraufziehen des 9. Novembers 1989, der Öffnung der Grenzen, in einem furiosen Finale unter dem Kanonendonner eines russischen Panzerschiffs.

Ebenso wie der Widerstand alles auf eine tiefere, geheimere Stufe gehoben hatte, fällt nun ohne ihn alles auseinander. Dadurch wird das Ideal der Klausnergemeinschaft aber keineswegs wertlos, wie ja auch in anderen Fällen der Geistesgeschichte der ideelle Gehalt einer besonderen Weltenstunde nach veränderten historischen Rahmenbedingungen aufgehoben blieb. „Poesie war Widerstand. Und ein Weg zur Erlösung. Eine ungeheure Möglichkeit.“ Das bleibt und es beweist sich nicht zuletzt in einem Roman wie „Kruso“ selbst. Lutz Seiler hat insofern auch ein literarisches Denkmal für vieles geschaffen, das einzigartig war in der Stilistik der DDR-Opposition und für Westler kaum nachvollziehbar ist.

Ostseeflucht

Ein abschließendes Kapitel mit verändertem, fast dokumentarischem Tonfall ist den Toten gewidmet. Jahre nach den Ereignissen auf Hiddensee beginnt Ed  jenen nachzuforschen, die es damals doch nicht ausgehalten hatten auf der Insel, aber dann elend ersoffen sind und irgendwo angespült in der Erde Dänemarks namenlose Gräber gefunden haben. Es ist ein bewegender Einsatz gegen das Vergessen, den der Autor auch ganz persönlich bei der Recherche für dieses Buch in dänischen Archiven und gerichtsmedizinischen Instituten geleistet hat. Lutz Seiler wollte keinen Roman über das Ende der DDR schreiben und hat sich politischer Wertungen weitgehend enthalten. Aber allein die nüchtern beschriebenen Wasserleichen in diesem Epilog wirken heftiger als jede explizite Anklage.

 

 

 

 

Wenn die Kraniche ziehen….

Kraniche

…. geht das Jahr unweigerlich in seine abschließende Phase. An der Ostseeküste in Mecklenburg Vorpommern hatte ich Gelegenheit, das abendliche Einfliegen dieser wunderbaren Vögel zu ihren Ruheplätzen einmal aus der Nähe mitzuverfolgen.

Hier ein kleines, sehr amateurhaftes Video dazu.

Mein Zehn-Bücher-Regal

Bücher 1

Mathis Oberhof, ein Facebook-Bekannter, hat mich freundlicherweise angefragt, eine Liste meiner zehn wichtigsten Bücher zusammenzustellen – es sei spannend, über so eine Liste etwas über die Menschen zu erfahren. Das finde ich auch! Ich beteilige mich also gern.

Für mich persönlich formuliert sich die Frage nach den zehn Büchern immer so aus: Wenn ich nur zehn mitnehmen dürfte, auf eine einsame Insel, in eine Zelle – oder weniger romantisch ins Altenheim, wo nur noch ein Regalbrett im Zimmer erlaubt ist – welche wären es? Bei mir ist es eine Mischung geworden aus Büchern, die ich so unerschöpflich finde, dass ich mir vorstellen kann, immer wieder darin zu lesen, und solchen, die mich in bestimmten Lebensphasen stark geprägt und begleitet haben, in die man gern wieder eintaucht wie in ein Musikstück, mit dem man ganze Lebensstimmungen verbindet. Hier sind sie also, wobei die Reihenfolge eher chronologisch zu sehen ist und nicht unbedingt eine Rangfolge darstellt:

Rudolf Steiner, Wie erlangt man Erkenntnisse höherer Welten?

Rudolf Steiner, Die Philosophie der Freiheit

Herbert Witzenmann, Die Voraussetzungslosigkeit der Anthroposophie

Irene Méline, Klimmüge

Gershom Scholem, Die Hauptströmungen der jüdischen Mystik

Nicole Krauss, Die Geschichte der Liebe

Eckart Tolle, Jetzt – die Kraft der Gegenwart

Martin Heidegger, Vom Ereignis

Cynthia Bourgeault, Love is Stronger than Death

Die Bibel

 

Könige der Nacht

Nachtigall Wikimedia

In unserem beschaulichen Frankfurter Vorort Niederursel am nördlichen Stadtrand werden wir jedes Jahr mit einem besonderen Naturschauspiel beschenkt: Irgendwann im Frühling, spätestens Ende April, kehren die Nachtigallen zurück. Vom frühen Morgen – sofern wir ihren Gesang erkennen – bis tief in die Nacht hinein können wir dann  die größten Sänger in der Tierwelt bewundern. Die überaus scheuen, nur spatzengroßen Vögel sehen äußerlich unscheinbar aus, wenn man sie denn überhaupt zu sehen bekommt. Mit ihren tiefen, oft an ein Schluchzen erinnernden Strophen singen sie aber variantenreicher, kunstvoller und anrührender als alles Vergleichbare. „Früher galt der Gesang der Nachtigall als schmerzlindernd und sollte dem Sterbenden einen sanften Tod und dem Kranken eine rasche Genesung bringen“, lese ich dazu bei Wikipedia. Ja, etwas Geheimnisvolles umgibt sie.

Bewundernswert finde ich aber nicht nur die Schönheit ihres Gesangs, sondern auch ihre Standhaftigkeit angesichts der zunehmenden Zerstörung ihres Lebensraums. Entlang der Wiesen, Obstbäume und Sträucher im Umfeld des Urselbachs, der hier vom Taunus im Norden kommend Richtung Nidda und Main fließt, hatten die Nachtigallen früher ein herrliches Revier. Heute muss sich ihr Gesang gegen den Lärm der Flugzeuge und des auch nachts nie abschwellenden Lärms der A 5 behaupten, die hier heute das Tal kreuzt. Das heutige Siedlungsgebiet der Nachtigallen, die hier immer noch in fast regelmäßigen Abständen von rund 800 Metern jedes Jahr standorttreu ihr Revier wiederbeziehen, wird außerdem zerteilt von einer Schnellstraße. Zusätzlich zu der Schienenstrecke nach Oberursel schneidet zudem seit kurzem noch eine neue U-Bahnlinie die Landschaft und eine weitere ist in Planung. Der schnell wachsende Unicampus und der neue Stadtteil Riedberg tun ihr übriges.

Dennoch: Die Meistersänger haben bisher allen Widrigkeiten getrotzt, scheinen Lärm, Bauarbeiten und Verkehr um sie herum zu ignorieren, solange sie bei ihrer Rückkehr aus dem Süden noch ein unzugängliches Versteck in dichtem Gesträuch vorfinden. Dort sitzen sie, ohne je gesehen zu werden, und erfüllen den ganzen Umkreis mit ihrem Klang. Und besonders nachts, wenn der Sehsinn für uns seine Dominanz verliert und wir zu Lauschenden werden, scheint uns ihr Singen in eine andere Welt zu versetzen, in der man die Übergriffe der Zivilisation für Momente vergisst.